„Die entscheidende Frage ist heute nicht mehr, ob ein Unternehmen angegriffen wird, sondern wie gut es darauf vorbereitet ist, falls es dieses Wochenende passiert“, betont Prof. Kürtz, Experte für Cybersicherheit an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Kiel.
Cybersicherheit betrifft heute nicht mehr nur große Organisationen wie global agierende Konzerne. In Schleswig-Holstein ist die digitale Bedrohungslage längst auch im Mittelstand angekommen. Wer glaubt, das eigene Unternehmen sei zu klein, zu unbedeutend oder unattraktiv für Hacker, unterliegt einem gefährlichen Trugschluss. Doch warum ist das Thema gerade jetzt für kleine und mittlere Unternehmen im echten Norden aktuell? Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz dabei und warum reicht klassische Prävention nicht mehr aus?
Kein Einzelfall: Zahl der Cyberangriffe und Angriffsversuche steigt
Im Fokus der Berichterstattung stehen meist größere Fälle, im Norden zuletzt das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), das 2026 Opfer von CyberAngriffen und IT-Störungen wurde, wie der NDR im Mai berichtete. Doch die Dunkelziffer betroffener Unternehmen ist viel höher, denn nicht über jeden Vorfall wird berichtet und nicht jedes Unternehmen spricht öffentlich über einen Cybervorfall.
Das UKSH steht exemplarisch dafür, dass selbst Organisationen mit umfangreichen IT-Ressourcen und strengen Schutzmaßnahmen ins Visier geraten können und dass Angreifer mit ausreichend Ausdauer fast jede Organisation gezielt angreifen können. Gleichzeitig greifen Cyberkriminelle nicht nur das scheinbar „lohnendste“ Ziel an.
Häufig nutzen sie auch automatisierte Scans, um Schwachstellen zu finden. Das schwächste Glied in der Kette wird dann zum Einfallstor, oft eben auch im Mittelstand.
Neue Dynamik: KI verändert die Bedrohungslage
Die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz verändert die Cybersicherheit grundlegend. Sie verschafft Angreifern neue, mächtige Werkzeuge.
Dadurch steigt beispielsweise die Qualität der Angriffe merkbar. Phishing-E-Mails sind heute nicht mehr an schlechter Grammatik erkennbar. KI erzeugt fehlerfreie, perfekt personalisierte Anschreiben, die selbst aufmerksamem Personal kaum auffallen. Laut dem Verizon's 2025 Data Breach Investigations Report tragen solche Fehler von Mitarbeiter:innen in über 60% der Fälle zum Erfolg von Angriffen bei.
„Cybersicherheit betrifft uns alle. Auch durch KI gibt es immer mehr Angriffe, schnellere, bessere und gezieltere Angriffe. Wirksamer Schutz endet nicht bei technischer Sicherheit, sondern erfordert ein Zusammenspiel zwischen Technik, Organisationsrahmen und menschlichem Verhalten.“
Gleichzeitig gibt es mehr Angriffe durch niedrigere Hürden. Dank KI-gestützter Tools benötigen Cyberkriminelle immer weniger technisches Expertenwissen. Die Eintrittsschwelle für Angriffe sinkt drastisch. Angreifer nutzen KI, um Software automatisch nach Schwachstellen und Einfallstoren abzusuchen. Sobald eine Lücke in einer Software bekannt wird, vergehen zum Teil nur noch Stunden, bis diese gezielt ausgenutzt wird.
Cybersicherheit ist kein IT-Ticket, sondern strategische Aufgabe
Cybersicherheit wurde lange als reines IT-Thema abgetan. Doch angefangen bei der Prävention bis zur Reaktion im Krisenfall sind Entscheidungen im Management zu treffen, weswegen Cybersicherheit direkt auf die Agenda der Geschäftsführung gehört. Gesetzliche Vorgaben (wie die europäische NIS-2-Richtlinie) nehmen Vorstände und Geschäftsführende stärker persönlich in die Pflicht, aber auch Kund:innen und Partner:innen erwarten den sicheren Umgang mit ihren Daten. Cybersicherheit und umfassende digitale Resilienz wird somit zunehmend zum Kriterium bei Auftragsvergaben und in Lieferketten.
„Wenn Systeme ausfallen, Daten verschlüsselt sind und die Produktion stillsteht, ist das kein IT-Problem, es ist ein existenzielles Unternehmensrisiko.“
Krisensimulation bietet Grundlage zum Aufbau digitaler Resilienz
Ein zentraler Denkfehler mancher Unternehmen lautet: „Das Risiko gibt es – aber mein Unternehmen betrifft es nicht.“ So schätzten in einer Umfrage mit 300 Entscheider:innen in KMUs 76% das Risiko für mittelständische Unternehmen im Allgemeinen als hoch oder sehr hoch ein, während nur 34% dasselbe Risiko für das eigene Unternehmen sehen. Doch wie das zu Beginn genannte Beispiel zeigt: einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht. Die entscheidende Frage ist heute nicht mehr, ob ein Unternehmen angegriffen wird, sondern wie gut es darauf vorbereitet ist, falls es dieses Wochenende doch erfolgreich angegriffen wird. Untersuchungen zeigen, dass es meist Wochen oder Monate dauert, bis Organisationen überhaupt merken, dass sie erfolgreich angegriffen wurden und dann oft nicht gut vorbereitet oder strukturiert genug reagieren können. Hier kommt der Begriff der digitalen Resilienz, also der Widerstandsfähigkeit, ins Spiel. Es geht darum, Angriffe oder andere Ausfälle frühzeitig zu erkennen, den Schaden einzudämmen und den Geschäftsbetrieb schnellstmöglich wiederherzustellen, z.B. mit klar definierten Abläufen für den Ernstfall und technisch sauberen Backups.
Um Verantwortlichkeiten zu schärfen und Abläufe im Krisenfall zu trainieren, bietet Cybersicherheitsexperte Prof. Klaas Ole Kürtz bei der F&E Akademie erstmals eine Krisensimulation für Unternehmen an. Kürtz erklärt: „Eine Krisensimulation stärkt verantwortliche Personen darin, im Ernstfall handlungsfähig zu bleiben. Wir lösen im Team unvorhergesehene Probleme, treffen Entscheidungen unter Zeitdruck, sichern zentrale Betriebsabläufe und steuern die interne sowie externe Kommunikation.“
Prioritäten neu setzen: Was KMU jetzt tun müssen
Angesichts der aktuellen Entwicklungen müssen Unternehmen ihre Prioritäten anpassen. Das bedeutet zum Beispiel eine Reduktion der Angriffsfläche, überarbeitete Prozesse, Verschiebung von reaktiver Sicherheit hin zum Agieren, mit einer sehr stabilen Basis-Absicherung und gelebter Sicherheitskultur.
Cybersicherheit ist zwar auch lästiger Kostenfaktor, aber gleichzeitig Teil der Lebensversicherung aller Unternehmen im digitalen Zeitalter. Die Bedrohungslage zeigt auch in Schleswig-Holstein: Abwarten ist keine Option. Wer heute investiert in Resilienz, klare Prozesse und das Bewusstsein seiner Mitarbeitenden, sichert die Zukunft seines Unternehmens.
Autor: Prof. Dr. Klaas Ole Kürtz
Redaktion: F&E GmbH

PROF. DR. KLAAS OLE KÜRTZ ist Professor für Wirtschaftsinformatik und CoLeitung des neuen Bachelor-Studiengangs Cybersicherheit an der HAW Kiel. Seine Schwerpunkte sind Cybersicherheitsmanagement, digitale Resilienz, Sicherheit und menschliches Verhalten sowie IT-Strategie. Zuvor war er 13 Jahre bei McKinsey & Company tätig und als Senior Client Capability Manager u.a. für die Themen Technology Resilience and Cybersecurity verantwortlich.

Cybersicherheit - Krisensimulation für Handlungsfähigkeit im Ernstfall
Systeme down, Daten weg, Hektik in der IT – wie reagiert Ihr Unternehmen? Als Organisation vorbereitet zu sein, bringt Sicherheit und Handlungsfähigkeit für den Ernstfall. In dieser interaktiven Krisensimulation trainieren Sie einen realistischen Cybervorfall am Beispiel eines norddeutschen mittelständischen Unternehmens. Im Mittelpunkt steht die konkrete Frage: Wer muss wann was tun, damit Ihre Organisation im Ernstfall handlungsfähig bleibt?
Zielgruppe: Fach- und Führungskräfte in KMU, die im Cybervorfall Verantwortung für Entscheidungen, Kommunikation, Personal, Kundenkontakt, Betrieb oder Koordination übernehmen.
Datum: 09. September 2026
Uhrzeit: 14:00–17:00
Ort: F&E Akademie am Seefischmarkt, Kiel
Teilnahmegebühr: 289 € inkl. 19 % MwSt.






